Ostergruß von M. Sophia

Ein anderes Osterfest feiern wir dieses Jahr. Nun – so könnte einer erwidern – ist nicht jedes Ostern anders? Die Welt ist jedes Jahr eine andere; wir sind andere; ich bin eine andere. Je nachdem, in welcher Lebenslage wir uns gerade befinden, ist die Ostererfahrung für uns jedes Jahr anders. Mal ist es der Osterjubel, der ganz von selbst alles andere übertönt. Mal bestimmt uns der Zweifel, ob auf die Nacht wirklich der Tag folgt; ob das Licht tatsächlich die Finsternis hell macht; ob auf die Trauer überhaupt einmal die Freude kommen wird; wir bleiben beim Karfreitag stehen. Ja – so gesehen ist Ostern jedes Jahr anders.
Doch in diesem Jahr ist Ostern für uns noch aus einem anderen Grund anders. Anders ist für uns dieses Ostern im Besonderen durch das Dunkel der Kriegsschrecken in der Ukraine.
Ist es nicht Ratlosigkeit, Fassungslosigkeit und Entsetzen, aber auch Angst und Bedrängnis, wovon unser Herz gerade voll ist? Vielleicht sogar mehr als vom Osteralleluja?
Im Evangelium in der Osternacht (LK 24,1-12) hören wir, wie die Frauen sich nach dem Sabbat im frühen Morgengrauen mit wohlriechenden Salben aufmachen und an den Ort gehen, wo ihre Hoffnung begraben ist. Sie wollen am Grab trauern und Abschied nehmen von ihrem Herrn und Meister. Ihre Herzen sind voll von den traumatischen Ereignissen von Jesu Verhaftung und seiner grausamen Hinrichtung. Ihre ganze Hoffnung, ihr Leben ist begraben. Sie sind wie tot. Wer von uns könnte sich nicht in den Frauen wiederfinden und hat es vielleicht schon selbst erlebt, welches abgründige Dunkel sich auftun kann, wenn Hoffnungslosigkeit, fehlende Perspektive das Leben überschattet? Geht es nicht den Menschen in der Ukraine jetzt gerade auch so? Wer von uns könnte diese Frauen nicht verstehen, die am Ende sind?
Viel haben die Frauen zu verarbeiten und zu bewältigen. Zuviel, als dass sie es selbst, aus sich heraus schaffen könnten, aus dem Grab herauszukommen ans Licht, wo der Weg weitergeht. Lähmende Ratlosigkeit erfasst sie daher, als sie in dem leeren Grab stehen.
Da kommen ihnen zwei himmlische Boten entgegen und eröffnen ihnen eine neue Perspektive. Diese tadeln die Frauen, weil sie den Lebenden bei den Toten suchen. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden, so sagen sie (Lk 24,5.6). Und noch etwas Entscheidendes sagen die beiden Männer in leuchtenden Gewändern, nämlich, dass sich die Frauen erinnern sollen an das, was Jesus ihnen gesagt hatte, als sie noch in Galiläa waren. Da hatte er ihnen gesagt, dass der Menschensohn den Sündern ausgeliefert und gekreuzigt werden müsse, aber am dritten Tag auferstehen werde (Lk 24,5.6).
Sich erinnern – das ist für die Frauen der Schlüssel zu einem Perspektivenwechsel und für die Wandlung.
Die beiden Engel ermutigen die Frauen, das, was sie erfahren haben – das Leiden, den Tod Jesu und jetzt das leere Grab – zusammenzubringen mit dem, woran sie sich erinnern. Viel haben die Frauen, und auch dann die Jünger, zu erinnern: Die Weissagungen über den Messias in der Hl. Schrift; die Ankündigungen Jesu von seinem Leiden und Schicksal; die Hoffnung, die ihr Herr und Meister sie gelehrt hat; das Licht, das er für sie war; das Leben, das er ihnen geschenkt hat; das Brot, das er mit ihnen geteilt hat; die Liebe, die er allen überreich gab. All das mussten sie erst erinnern, damit in ihrem Herzen Wandlung geschehen konnte und sie zum Glauben an die Auferstehung ihres Herrn finden konnten. Die Frauen müssen Ostern erst ganz langsam lernen; wir auch.
Auch wir erinnern uns in der Osternachtfeier der Heilstaten und Verheißungen Gottes. Wir erinnern uns der Erfahrungen, die die Frauen am leeren Grab gemacht haben. Auch uns heute gilt das Wort der beiden Männer in leuchtenden Gewändern: „Erinnert ihr euch nicht?“ Erinnert ihr euch nicht an die Augenblicke der Auferstehung in eurem Leben? Situationen, wo plötzlich Vergebung möglich wurde in verfahrenen, aussichtslos erscheinenden menschlichen Situationen; wo das Gewöhnliche des Alltags plötzlich dankbar wieder als etwas Besonderes erfahren werden konnte; wo Gemeinschaft und eine jede Einzelne in der Gemeinschaft neu als Reichtum erfahren wurde; wo es möglich war, einander die eigenen Wunden zu zeigen und Glaubenszweifel miteinander auszuhalten; wo der Blick der Liebe das Ja zum Nächsten zum Ausdruck brachte und Leben wieder aufblühen konnte.
Die Frauen im Grab brauchen Zeit, sie müssen sich erst erinnern, bis sie begreifen lernen, dass sie schon mitten in einem neuen Anfang stehen und ihnen das neue Licht bereits aufleuchtet. Auch uns ist dieses neue Licht geschenkt. Es ist das Licht, das Christus selbst ist: Lumen Christi.
Ja – Christus, unser Licht und Leben, er ist nicht in der Finsternis geblieben; wir finden ihn nicht bei den Toten. Er ist wahrhaft bei den Lebenden. Er ist auferstanden.
Das österliche Licht leuchtet uns voraus durch die Dunkelheit unserer Zeit und Welt.
Deo gratias!

Ich wünsche Ihnen, liebe Freunde und Freundinnen unserer Abtei zusammen mit allen Schwestern ein gesegnetes und bestärkendes Osterfest.

Äbtissin Sophia Schwede OSB

 

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