Epiphanie

Heute, am Fest der Erscheinung des Herrn beteiligt sich Sr. Angela mit einem Beitrag an unserem “geistlichen Anti-Viren-Programm”. Sie schreibt:

„ … und der Stern ist immer noch da.“
Eine tägliche Rundfunksendung, in der an Ereignisse und Personen erinnert wird, die über den jeweiligen Stichtag hinaus bedeutungsvoll sind, nennt sich „Zeitzeichen“. Das Fest „Erscheinung des Herrn“ könnte ohne weiteres einen Platz in dieser Reihe beanspruchen. Es legt Zeugnis ab von einem Ereignis, das zwar über 2000 Jahre zurückliegt, aber bis auf den heutigen Tag Welt und Menschen bewegt. Heute wie damals scheiden sich an ihm die Geister. Durch die Jahrhunderte hindurch gab und gibt es unzählige Menschen, die sich seinem Anspruch stellen, sich davon herausfordern lassen, um eine persönliche Antwort ringen. Aber es gibt auch andere, die ganz unbewegt bleiben oder gleichgültig sind. So oder so – mit der Antwort werden Weichen gestellt, für das persönliche Leben, für das Leben anderer, für das Miteinander im Kleinen und Großen. Oft weit über die eigene Lebensspanne hinaus.
Vermutlich wären die Sterndeuter unseres Festevangeliums (Mt 2,1-12) erstaunt, wenn sie hörten, ihre Sternsuche sei noch 2000 Jahre später für Menschen bedeutsam, ja richtungweisend. Aber ist es nicht tatsächlich so? Der Bericht über ihre Reise zunächst nach Jerusalem, dann weiter nach Bethlehem, so wie ihn uns der Evangelist Matthäus überliefert, ist wirklich was sein Name besagt: Evangelium – frohe, frohmachende und ermutigende Botschaft.

Die bei ihrer Ankunft in Jerusalem Erstaunen und Bestürzung auslösende Frage der Sterndeuter lautete: „Wo ist der neugeborene König der Juden?“ Ihr Interesse erklärend, fügten sie hinzu: „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.“
Die Sterndeuter (griech. magoi) blickten zu den Sternen auf, um den Gang der Gestirne zu erforschen. Zugleich suchten sie die Wechselbeziehung zwischen Gestirnen einerseits und Geschick von Welt und Menschen andererseits zu ergründen und zu verstehen, galten doch in ihrem Land Sonne, Mond und Sterne als Götter. Im Zeichen des aufgehenden Sternes hatten sie einen persönlichen Anruf vernommen – und ihm gehorcht. Sie brachen auf, folgten dem Weg, den der Stern ihnen wies. Unbeirrt, auch als sie über die Grenzen ihrer Heimat hinaus in fremdes Land geführt wurden.
Ihre Frage nach dem neugeborenen König löst in Jerusalem zwar einige Verwirrung aus, setzt aber niemanden in Bewegung. Herodes schickt sie schließlich auf den Weg nach Bethlehem. Dass es der richtige Weg war, wussten sie in dem Moment, in dem sie „ihren“ Stern wiederentdecken. Woher ihnen die Gewissheit kam? Woran sie das erkannten? An der großen Freude, von der sie erfüllt wurden. Als der Stern, der vor ihnen hergezogen war, stehenbleibt, sind sie angekommen.
Ob sie es so erwartet hatten? Einen Stall und ein Kind in einer Krippe? Merkwürdigerweise scheint sie das überhaupt nicht zu beschäftigen. Wichtig ist nur das Kind, das sie gesucht und nun gefunden haben, vor dem sie niederfallen, dem sie huldigen, vor dem sie ausbreiten, was sie mitgebracht haben. Jeder seinen Schatz. Denn sie haben in dem Kind den verheißenen neugeborenen König der Juden erkannt – und als ihren Herrn anerkannt.
Sie sind zwar am Ziel, aber noch nicht am Ende der Reise. Der Weg zurück in ihre Heimat will noch bestanden werden. Wieder werden sie geführt. Dieses Mal nicht von einem Stern, sondern durch einen Traum. Nicht nur die Wegrichtung hat sich geändert. Sie selbst sind verändert. Denn sie haben nicht nur gefunden. Sie sind zugleich gefunden worden. Gleichsam ein erstes Kapitel der Geschichte Gottes mit ihnen.

Schön, könnte jemand einwenden. Das war damals. Aber heute? Auch wir brauchen Licht, das erhellend auf unseren Weg fällt, einen Stern, der uns die Richtung weist, zumal in einer Zeit, in der es schon allein deshalb schwer ist, Gottes Anruf zu vernehmen, weil um uns und nicht selten auch in uns so Vieles lärmt.

„Der Stern“, heißt es bei Rudolf Alexander Schröder, einem evangelischen Dichter aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in einem Gedicht auf die drei Sterndeuter „der Stern ist immer noch da.“ Und wir können hinzufügen: Für uns ist es kein namenloser Stern. Er steht für Jesus Christus, dessen Geburt wir gefeiert haben, dessen Erscheinen und Wirken in der Welt wir dankbar gedenken, den wir in jeder Osternacht im Exsultet als den wahren Morgenstern, der in Ewigkeit nicht untergeht, preisen. Angelus Silesius hat es in die auch uns vertrauten Worte gebracht: „Morgenstern der finstern Nacht, der die Welt voll Freuden macht.“ Welt – dazu gehört jedes einzelne Menschenherz. Gott sucht eines jeden Menschen Herz, weil ausnahmslos jeder ihm wichtig ist. Die Freude, mit der Gott beschenken möchte, ist er selber. Jesus Christus. Ihm können wir uns, unser Leben, unsere Welt getrost anvertrauen.
© Sr. Angela Gamon OSB

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