Auszug aus der Ansprache von Mutter Sophia zum Fest Kreuzerhöhung am 14.9.

Ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben (Jer 29,11)

Unser Kreuzfest gibt uns Anlass, innezuhalten und auf unsere benediktinische Berufung zu schauen und dabei unser Jahreswort – Hoffnung, die uns erfüllt (1 Petr 3,15) – zu erinnern. In diesem Jahr tun wir dies auf dem besonderen Hintergrund der Coronakrise, die wir nicht einfach so von unserem Feiern ausklammern können.
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In einer seiner Collationes schreibt Cassian: „Auf dreierlei Weise kann Gott einen Menschen rufen. Manchmal ruft Gott den Menschen direkt und unmittelbar: Unser Herz erfährt dann eine gewisse Inspiration. Wir werden „erweckt“, was manchmal sogar im Schlaf geschehen kann. Aufgeweckt werden wir nämlich zur Sehnsucht nach ewigem Leben und Heil; plötzlich sind wir heilsamst erschüttert und verspüren drängend die Aufforderung, Gott zu folgen und seinen Geboten anzuhängen. …
Oft ruft Gott den Menschen durch andere: Hier werden wir entflammt zur Sehnsucht nach dem Heil durch das Beispiel und die Ermunterung der Heiligen. …
Auf eine dritte Art kann Gott rufen mittels gewisser Zwänge, durch eine Not-Lage (äußerer oder innerer Art). … Von Berufungen solcher Art lesen wir oft in den Heiligen Schriften, wenn z.B. davon die Rede ist, dass Israel sich bekehrte, nachdem Gott das Volk wegen seiner Sünden seinen Feinden überlassen hatte“. (Johannes Cassian, Spannkraft der Seele. Freiburg. 1981).

Cassian spricht mit der dritten Art, wie Gott rufen kann, eine Situation an, wie wir sie gegenwärtig in der aktuellen Krise erleben. In einer Not-Lage kann Gottes Ruf vernehmbar werden; die Krise wird zu einer Zeit der Gnade, in der der einmal ergangene Ruf eine neue Tiefe und Qualität bekommen kann, die „erste Liebe“ erneuert wird. Nicht wenige Zeugnisse der Bibel machen deutlich, wie wichtig die Rolle der Propheten und ihre Deutung der Welt in solchen Krisenzeiten ist. Die Propheten sind „Mund Gottes“; sie besitzen die Gabe, die Situation mit den Augen Gottes zu sehen. Sie benennen klar das Unheil und sagen deutlich, was nicht in Ordnung ist. Aber sie geben auch Hoffnung, sie sind Türöffner. Bei Jeremia heißt es: „Du sollst ausreißen und niederreißen, vernichten und zerstören, aufbauen und einpflanzen.“ (Jer 1,10). Auch wenn hier die Verben mit negativem Vorzeichen überwiegen (ausreißen, niederreißen, vernichten, zerstören), entscheidend ist das Aufbauen und Einpflanzen. „Was siehst du?“, so fragt Gott Jeremia weiter. Und Jeremia antwortet: „Einen Mandelzweig sehe ich.“ Darauf spricht der Herr zu ihm: „Du hast richtig gesehen; denn ich wache über mein Wort und führe es aus.“ (Jer 1,12). Gott macht sein Wort wahr. Er spricht nicht einfach und handelt dann anders oder gar nicht. Er überlässt sein Volk nicht einfach seinem Schicksal und der Willkür der dunklen Mächte. Es bleibt nicht einfach bei Negativbotschaften. Es gibt einen Raum für Bekehrung und Umkehr, für Hoffnung, Heil und Leben.

Die Propheten erfahren Gott als einen Gott, der das Leben in Fülle schenken will, der zum Menschen sagt: Ich bin dein Arzt. Ich schaffe Heil, wo ihr Menschen Unheil geschaffen habt; ich mache ganz, was ihr zerbrochen habt. Ich schenke euch Hoffnung und eine neue Zukunft.

Ihre einmalige Beziehung zu Gott befähigt die Propheten, Hoffnung auszusprechen; keine menschliche Hoffnung, die aus Zisternen kommt, sondern eine Hoffnung, die einer nie versiegenden Quelle entspringt (vgl. Jer 2,13). Auch die Propheten ringen und hadern mit ihrem Gott angesichts der desaströsen und aussichtslos erscheinenden Situationen. Gott begegnet ihnen darin als der Fremde, der schweigt; als der Unbegreifliche. Propheten haben keine schnellen Antworten. Sie können warten und aushalten; sie halten fest an der Hoffnung, dass Gott spricht. Sie stehen unbeirrbar fest in dem Auftrag, den sie einst von Gott bekommen haben. Der Dialog mit Gott reißt bei ihnen nie ab.

Wir könnten uns auf dem Hintergrund der aktuellen Krise fragen: Was „macht“ diese Krise mit unserer, mit meiner Berufung? Was könnte die aktuelle Krise für uns Christen bedeuten, die wir in der Tradition der Propheten stehen? Die wir berufen sind, von der Hoffnung zu reden, die uns erfüllt?

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Was muss sich ändern? Was wird sich ändern? Diese Fragen kann man heute oft hören. Wir würden vielleicht auch sagen: Wo ist Umkehr und Bekehrung angesagt? Die Krise, die die Welt in diesem Jahr überfallen hat, verändert nicht nur die große Welt. Sie verändert auch unsere kleine Welt, unsere Klosterwelt, unsere Gemeinschaft. Wir können diese Veränderungen als Anfrage verstehen oder auch als unerwünschte Störung empfinden; wir können die Veränderungen auch als Anruf Gottes deuten.
Wo Gewohntes und Routine abbrechen – wie wir es in den vergangenen Monaten erfahren konnten -, da kommen Ängste auf. Da wird deutlich, dass es für den Menschen eine letzte Sicherheit nicht gibt und geben kann und der Mensch – trotz seines Bestrebens, alles in den Griff zu bekommen und selbst zu bestimmen – ein ungesichertes und unbehaustes, ja ein sehr fragiles und vor allem endliches Wesen ist. Hier haben die Propheten ihren Auftrag. Sie leben das Wagnis des Vertrauens.
Wo dieses Wagnis im Glauben eingegangen und Leben auf Hoffnung hin gestaltet wird, da sind Veränderungen nicht mehr bloß unheilvolle Begrenzungen oder Abbruch. Im Wagnis von Hoffnung und Vertrauen schaffen Veränderungen Bewegung; eine Bewegung, die auf lebendige Begegnung zielt: Die Begegnung mit Gott. Die Frage ist dann nicht mehr: Wie können wir zu dem, was abgebrochen ist, zurückkehren? Die Frage lautet vielmehr: Wie will Gott, dass wir weitergehen? Bei dieser Frage geht es nicht darum, etwas ganz Neues oder ganz Anderes zu machen; sich etwas Neues auszudenken. Das hieße wieder, alles selbst in der Hand haben, in den Griff bekommen wollen, den eigenen Willen zu suchen. Nein: Es geht ganz einfach darum, anders weiterzugehen. Es ist schon alles da, was wir für den Weg weiter brauchen. Wir müssen es „nur“ wahrnehmen. Doch das ist gerade das Schwierige.
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In einer Antiphon in den Vigilien am Fest Kreuzerhöhung singen wir: „Blicket auf zu Jesus, dem Urheber und Vollender des Glaubens: Um der Freude willen, die vor ihm lag, nahm er das Kreuz auf sich, der Schande nicht achtend, und sitzt nun zur Rechten des Thrones Gottes“ (Hebr 12,2).
Möge die Feier unseres Kreuzfestes in uns diesen Blick festigen und erneuern.

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