Auf Ostern zu

Vielleicht hatten Sie schon einmal die Gelegenheit, ein Labyrinth im Gehen zu erschließen. Vielleicht waren Sie einmal selbst in Chartres und konnten das eindrucksvolle Labyrinth in der Kathedrale durchschreiten. Wer aus diesem über 250 m langen Weg ans Ziel gekommen ist, der ist nicht mehr der Gleiche wie am Eingang; das kann man sich leicht vorstellen. Der Weg durch das Labyrinth macht etwas mit einem; es ist ein Weg der Wandlung.
Das Symbol des Labyrinths wird auch gerne für den Weg durch die Fastenzeit gewählt. Es symbolisiert auf seine Weise einen Weg durch die Wüste. Ja, man könnte sagen: es ist ein anderes Bild für ‚Wüste‘. Das Ziel dieses Weges ist das Leben, die Neuwerdung, der Durchgang durch die Abwege, das Dunkel, durch den Tod hindurch zur Auferstehung, zur Begegnung mit dem Auferstandenen, so wie Benedikt sagt: In der Sehnsucht und in der Freude des Hl. Geistes wollen wir das Osterfest erwarten (vgl. RB 49,7).

Dieses Ziel wird im Labyrinth durch die Mitte symbolisiert. Die Neuwerdung, das Leben bei Gott in Ewigkeit, geschieht nicht anders und ist nicht anders zu erreichen als im Gehen durch das Labyrinth – ein Weg, der kein Weg zu sein scheint; das Ziel unerreichbar fern und nahe zugleich; ein Rückweg – genauso wenig möglich. Was bleibt, ist das Gefühl, einfach gehen zu müssen. Die Hoffnung, am Ziel – der Gemeinschaft mit Gott – anzukommen, scheint an manchen Stellen des Lebens weiter denn je entfernt zu sein. Was bleibt uns, so fragen wir manchmal. Sollen wir aussteigen aus der Hoffnung? Oder: Eröffnet sich nicht gerade in dieser verfahrenen Situation eine tiefe Erfahrung, dass wir durch unser eigenes Bemühen allein nicht weiter- kommen, aber uns doch in unserem Bemühen getragen fühlen dürfen?

Das Gehen des Labyrinths führt uns immer wieder vor Augen, ob wir wollen oder nicht: Im Labyrinth bewegen wir uns immer um die Mitte. Im Gehen kann uns diese Mitte zur Mitte unseres Lebens werden. Diese Mitte lässt uns nicht los. Es ist die Erfahrung, in allem Scheitern eigener Pläne und Vorhaben nicht zugrunde zu gehen, in allem Vergeblichen immer wieder auch das Ziel zu erblicken: nicht als Endpunkt, sondern als Mittelpunkt, um den wir uns im Labyrinth ständig unterschiedlich weit oder nahe bewegen. Das Ziel als Mittelpunkt unseres Lebens, an dem wir teilhaben, indem wir ihn immer wieder neu erblicken und darauf schauen – als Kraft, die nicht verzweifeln lässt, als Grund unserer Hoffnung, der auch in all unseren Wegen, Abwegen und Irrwegen zu sehen ist. Dieser Grund unserer Hoffnung ist auf diese Weise Mittelpunkt unseres Lebens. Der Mittelpunkt ist dadurch zugleich der Einheitspunkt, an dem wir uns orientieren und den wir in all unserem Denken und Tun verfolgen, in dem jeder Lebensweg zur Ruhe kommt und wir sehen können, dass all unser Denken, Reden und Tun sich im Kraftfeld dieser Mitte bewegt und dass sich in jedem Lebensweg, in jeder seiner vielen Phasen, Spuren dieser Mitte finden lassen.

Der Weg durch die aktuelle Pandemie und Weltkrise mag uns manchmal vorkommen wie ein labyrinthischer Irrgarten: Ohne Perspektive und ohne Ziel. Gerade dann ist es wichtig, dass wir diese Mitte, auf die uns das Labyrinth zuführt, nicht aus dem Blick verlieren. Dass wir nicht verzweifeln, wenn uns der Weg in die Irre zu führen scheint, sondern unseren Weg weitergehen im Vertrauen darauf, dass Gott auf diesem Weg bei uns ist und uns nicht zugrunde gehen lässt, wie der Psalmist formuliert: „Herr, du hast mich erforscht, und du kennst mich. Ob ich gehe oder ruhe, es ist dir bekannt; du bist vertraut mit all meinen Wegen. Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich.“ (Ps 139,1.3.5)
Ich möchte Sie einladen, die vierzig Tage der Fastenzeit in diesem hoffenden Vertrauen bewusst als diesen Weg zur Mitte zu gehen.
Äbtissin Sophia Schwede OSB

 

 

 

 

 

 

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