Beginn des neuen Kirchenjahres

Viele von Ihnen kennen den Brauch in den Klöstern, das neue Kirchenjahr unter ein Jahresmotto zu stellen. Dieses Jahresmotto unserer Gemeinschaft möchten wir Ihnen gerne mitteilen, es mit Ihnen teilen – in Dankbarkeit für alle Weggemeinschaft.

Aus der Adventsmeditation von M. Sophia

Die Liturgie der Adventszeit nimmt uns mit auf einen Weg vom Dunkel zum Licht. Diese Zeit ist uns geschenkt, die Grundhaltung unseres Lebens, nämlich adventlich zu leben, neu einzuüben und im Herzen zu vollziehen. Das heißt: Das Warten auf das Licht, das kommen wird und Licht und Leben schenkt. Der Glaube an das Licht, das in die Welt gekommen ist und schon jetzt – hier und heute – leuchtet und nicht mehr auszulöschen ist. Die Hoffnung auf das Licht, das wiederkommen wird und die Welt aus dem Dunkel erlösen wird. Diesen Weg vom Dunkel zum Licht durchschreiten wir jedes Jahr in der Adventszeit von neuem, vollziehen diesen Weg in unserem innersten Selbst mit. Wir tun dies aber auch das Jahr über in den vielen Augenblicken, wo uns aufgetragen ist, den Schritt vom Dunkel ins Licht zu gehen, wo uns plötzlich ein Licht aufgeht und es hell wird und sich da, wo es ausweglos schien, ein Weg auftut und wir gefragt sind, uns auf den Weg zu machen und dem Licht zu folgen.
In einer Zeit, in der das Dunkel Übermacht zu haben scheint, in der Orientierung fehlt und das Vertrauen nicht wenig auf die Probe gestellt wird, kommt uns Gott entgegen in seinem Licht. Im Kind in der Krippe wird uns das Licht der Welt geschenkt. In diesem Kind begegnen wir IHM, der später von sich sagen wird: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12).

Ihr seid das Licht der Welt (Mt 5,14).

Dieses Wort soll über dem neuen Kirchenjahr stehen. Ein herausforderndes, buchstäblich anspruchs-volles Wort ist das.
Wenn wir Satzanfänge hören mit „Ihr seid …“ oder „Du bist …“, dann reagieren wir nicht selten allergisch, gehen in Habachtstellung und sind erst einmal vorsichtig. Welcher Stempel wird mir da womöglich aufgedrückt und in welche Schublade werde ich vielleicht gepackt mit dem „Du bist …“ – reduziert auf bestimmte Charaktereigenschaften oder Fähigkeiten. Doch darum geht es hier nicht im Geringsten, im Gegenteil: Eine Weite tut sich auf, ein Gestaltungsraum, Leben, Dynamik, Kraft und auch Macht im positiven Sinne. „Ihr seid“, „Du bist“, das ist ein Indikativ und kein Imperativ. Es heißt nicht „Werdet Licht der Welt“ oder „Seid Licht der Welt“. Nein: Wir sind es schon; ich bin schon Licht der Welt. Ich brauche gar nichts dafür zu machen oder zu leisten. Ich kann es auch nicht auslöschen oder verlieren. Das Licht hat in mir Wohnung genommen. Es ist da.
Wenn ich das einmal für mich durchbuchstabiere, jetzt in der Adventszeit, und einmal in der Stille mir sage: „Ich bin Licht der Welt.“ Traue ich mich das überhaupt zu sagen? Was kommen mir da für Gedanken? Wage ich das überhaupt auszusprechen und so von mir zu denken? Und was bedeutet das dann für mein Leben?
An-spruch und Auftrag – beides steckt in diesem Wort.

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